Dialogführung ist die hohe Kunst der Schreibschule. Dialoge sind aber meist auch das erste, was neue Autoren falsch machen. Ich möchte in diesem Artikel nicht darauf eingehen, wie man gute Dialoge schreibt. Sondern darauf, wie man ein ganz besonderes Prachtexemplar schlechter Dialoge vermeidet: den Erklärbär-Dialog.

Was ist ein Erklärbär-Dialog?

Erklärbär-Dialoge werden von Autoren missbraucht, um dem Leser Informationen zu vermitteln, ohne sich zu überlegen, ob ihre Figuren im wirklichen Leben so sprechen würden oder nicht. Dazu lassen sie ihre Charaktere Dinge sagen, die ihnen eigentlich klar sind und sie deshalb so nicht sagen würden, wenn sie reale Personen wären. Die Dialoge werden dadurch flach und hölzern.

Nehmen wir ein fiktives Beispiel: Horst, Präsident einer riesigen Bank hat eine Tochter. Die wurde ganz böse von ihrem Ex-Freund abserviert und heult sich nun die Augen aus. Horsts Kollege Thomas versteht nicht, warum Horst den bösen Ex-Freund nicht dafür bestrafen will und schlägt ihm vor, diesen doch zu verprügeln (zugegeben: das ist jetzt ein an den Haaren herbeigezogenes Beispiel, aber es soll hier nur um den Dialog gehen)

So könnte ein Erklärbär-Dialog in diesem fiktiven Szenario aussehen:

„Willst du den Typen, der deine Tochter abserviert hat, nicht eine in die Fresse schlagen, Horst?“

„Thomas, du weißt, dass ich Präsident einer weltweit agierenden Bank mit über 25 Milliarden Euro Umsatz bin und deshalb kann ich nicht einfach jemanden zusammenschlagen. Das würde meinem Ruf schaden und ich könnte deshalb meinen Job verlieren. Wir müssen das anders lösen.“

Was ist an diesem Dialog nun schlecht?

Der fiktive Autor hat ihn dazu missbraucht, dem Leser Informationen zu vermitteln. Nämlich, dass Horst Präsident einer „weltweit agierenden Bank mit über 25 Milliarden Euro Umsatz“ ist und er sich deshalb keine Skandale leisten kann.

Sein Gesprächspartner, Thomas, weiß das allerdings schon (zu allem Übel sagt Horst ja auch noch „du weißt“). In der Wirklichkeit würden die beiden sich nicht so unterhalten. Zumindest der Satz von Horst würde anders ausfallen, da er ja weiß, dass Thomas seine Position und die damit verbundenen Zwänge kennt. Er würde dies also nicht noch einmal explizit erwähnen, sondern sich auf den eigentlichen Punkt konzentrieren.

Schlüsselwörter wie „du weißt“ oder „deshalb“ weisen häufig auf Erklärbär-Dialoge hin, da sie eben Dinge erklären. Und in einem Dialog sollten nur Dinge erklärt werden, die mindestens eine der Figuren nicht weiß.

Wie könnte der Dialog also besser gestaltet werden?

Zum Beispiel so:

„Willst du den Typen, der deine Tochter abserviert hat, nicht eine in die Fresse schlagen, Horst?“

„Würde ich gerne, ist mir aber zu riskant. Wir müssen das anders lösen.“

Aha. Schon deutlich kompakter und damit nicht mehr ganz so erklärbärisch. Aber der Leser versteht nun natürlich nicht mehr, warum Horst den bösen Ex-Freund seiner Tochter nicht einfach verprügeln kann. Horst könnte ja auch Box-Trainer im Milieu sein, der kein Kind von Traurigkeit ist. Diese Information muss dem Leser anders serviert werden. Z.B. durch eine vorangehende Szene, in der Horst in der Vorstandssitzung seiner Bank gezeigt wird und dadurch klar wird, wieviel Umsatz sie macht und was für ein wichtiger Typ Horst doch ist und wie wichtig sein guter Ruf für seine Position ist, etc.

Eine ganze Szene dafür zu schreiben ist aber schwieriger und aufwendiger, als seine Figur die Information einfach sprechen zu lassen. Und genau daran scheitern die meisten Neuautoren. Sie sind zu faul, diese Dinge dem Leser zu zeigen, so dass er sich die Zusammenhänge aus verschiedenen Teilinformationen selbst erschließt. Stattdessen packen sie alles in einen Dialog.

Fazit

Wenn zwei oder mehr Figuren das gleiche Wissen haben, dann kann der Dialog nicht dazu benutzt werden, dieses Wissen dem Leser zu vermitteln, denn wirkliche Personen reden selten über das Offensichtliche. Achtet der Autor nicht darauf, geraten die Dialoge zu Erklärbär-Dialogen und klingen hölzern.

 

PS: Nur um Missverständnisse zu vermeiden: ich finde natürlich, dass niemand einfach andere Leute verprügeln soll. Das obige Beispiel dient nur der Veranschaulichung des Erklärbär-Dialogs.

PPS: Und natürlich glaube ich auch nicht, dass Box-Trainer einfach andere Leute verprügeln ;-)

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