Schriftsteller können zwischen einer Vielzahl verschiedener Programme wählen, um literarische Texte zu schreiben. Von einfach bis komplex. Von kostenlos bis teuer. Auf Windows, Mac oder Linux.

Tut es für einfache Kurzgeschichten bereits der mit dem Betriebssystem mitgelieferte Texteditor, steigen die Ansprüche, wenn die Texte länger werden. Vor allem, wenn eine gehörige Portion Recherche notwendig wird und eine Vielzahl von Figuren und Orten verwaltet werden muss, kommt man mit einer einfachen Textverarbeitung nicht mehr aus. Selbst weitverbreitete Programme wie Microsoft Word sind dann nicht mehr zu gebrauchen.

Ich habe mich für Scrivener entschieden, denn es bietet neben der reinen Textverarbeitung viele nützliche Funktionen, mit denen ich Figuren oder Recherche in der selben Oberfläche verwalten kann.

Das Wichtigste an Scrivener aber ist, dass es so konzeptioniert wurde, wie ich Texte erfasse: es trennt Text von Form und die grundlegenden Elemente sind in Karteikarten organisiert.

Ich denke nicht in einem einzigen langen Fließtext, sondern in Szenen, die in Kapiteln organisiert sind und die letztendlich ein Buch ergeben.

Karteikarten

Scrivener bietet ein fantastisches Konzept, Text zu organisieren: mit Karteikarten. In der Praxis sieht das so aus, dass man auf der „Pinnwand“ die einzelnen Karten sieht (deren Form und Größe sich konfigurieren lassen) und auf denen man Hinweise zu einer Szene oder einem Kapitel notieren kann. Das Geniale ist nun, dass quasi auf der „Rückseite“ dieser Karte eine eigene Datei liegt, in der man dann den eigentlichen Text entwirft.

D.h. vorne notiert man was man schreiben möchte und „hinten“ schreibt man den tatsächlichen Text.

Szenen und Kapitel werden in Scrivener als Karteikarten verwaltet.
Szenen und Kapitel werden in Scrivener als Karteikarten verwaltet, die für einen Teil des Textes stehen.

Szenen oder Kapitel kann man so einfach innerhalb des Projekts arrangieren. Sollte eine Szene vielleicht doch erst später kommen? Kein Problem: einfach die Karteikarte an die gewünschte Stelle ziehen. Das war’s. Kein Cut & Paste des Textes nötig oder Ähnliches.

Das ganze Werk in Karteikarten vor sich zu haben, die in aller Kürze beschreiben, was in einem Kapitel geschieht, ist extrem hilfreich bei der Prüfung des logischen Ablaufs und des Spannungsbogens, da man nicht ständig den kompletten Text lesen muss.

Wenn man möchte, kann man natürlich auch den ganzen Text auf einmal ansehen und von Anfang zu Ende scrollen. Das mache ich aber tatsächlich so gut wie nie, da ich eben in Szenen und Kapitel denke und dann immer mit einem Klick in die richtige Datei bzw. das richtige Fenster springe.

Der Moment, in dem ich den ganzen Text von vorne bis hinten lese, ist, wenn ich mein Werk ausgedruckt habe und mit dem Rotstift an die Überarbeitung gehe. Am Bildschirm aber springe ich von Szene zu Szene, um Änderungen vorzunehmen.

Trennung von Text und Format

Während man bei einer klassischen Textverarbeitung selbst dafür verantwortlich ist, die passende Schriftgröße, Zeilenabstände oder Einzüge einzustellen, macht Scrivener das automatisch beim Export – und das abhängig vom Zielformat, das man wählt. Scrivener bringt dafür diverse Voreinstellungen mit, z.B. für Kurzgeschichten, Print-Romane oder eBooks. Man kann aber auch seine eigenen Einstellungen vornehmen und diese als Vorlagen speichern.

Praktisch wird das, wenn man den gleichen Text in mehrere Zielformate bringen muss. Z.B. für Print und eBook, bei denen unterschiedlicher Satz nötig ist.

Scrivener bietet eine Reihe von Voreinstellungen für den Export, die man um eigene erweitern kann.

Während der Arbeit am Bildschirm kann man den Text also so formatieren, wie man es am angenehmsten empfindet und ohne vor dem Export alles wieder auf das Zielformat umstellen zu müssen. Ich arbeite z.B. am liebsten mit einer Serifenschrift in Größe 18 und Zeilenabstand 1,5. Das ist nicht zwingendermaßen das Format, in dem ich einen Text abgebe.

Während der Überarbeitungsphase lasse ich Scrivener meinen Text meist in PDF-Format mit Serifenschrift Größe 12 und 1,5-Zeilenabstand exportieren, so dass der Text gut lesbar ist. Sind später z.B. Normseiten gefragt, wähle ich einfach ein anderes Exportformat, z.B. Normseiten im MS-Word-Format.

Neben Schriftart/Größe und Absatzformat nutze ich die Exportfunktion auch immer dazu, Zeichen zu ersetzen oder die Trenner zwischen den Szenen zu definieren. Sollen es drei Sternchen sein? Oder doch nur eine Leerzeile? Kann man alles einstellen.

Die Exporteinstellungen können beliebig angepasst werden. Ich lasse so z.B. immer deutsche Anführungszeichen durch französische ersetzen.

Recherche und Figuren

Neben der eigentlichen Arbeit am Text erlaubt Scrivener auch die Verwaltung der Recherche und der Definition von Figuren und Orten. Das Programm bietet Vorlagen, anhand derer man Figuren oder Orte beschreiben kann. Diese Vorlagen können nach den eigenen Bedürfnissen angepasst werden. So habe ich z.B. bei meiner Figuren-Vorlage die Kategorie „Waffe“ eingeführt, da ich häufig Fantasy schreibe und die Figuren dort eben mit bestimmten Waffen herumlaufen.

Recherche wird frei organisiert in Ordnern und Dateien, die Grafiken oder Listen enthalten können. Der große Vorteil dabei ist, dass man nicht ständig zu dem Fenster eines anderen Programms wechseln muss, nur um mal nachzusehen, wie weit jetzt z.B. der Jupiter von der Erde entfernt ist (vorausgesetzt natürlich, man hat seine Hausaufgaben gemacht und die Ergebnisse seiner Recherche in Scrivener notiert).

Redaktionsmodus

Wenn ich Text schreibe oder überarbeite, ist der Redaktionsmodus von Scrivener Gold wert. Hier wird der Text ohne jeglichen Seitenleisten oder Menüs auf dem Bildschirm angezeigt. Es geht in diesem Moment nur um den Text. Alles andere wird ausgeblendet.

Im Redaktionsmodus wird nur der Text angezeigt. Recherche und Konzeption stehen in diesem Moment hinten an.

Schwächen von Scrivener

Natürlich hat Scrivener auch Schwächen. Und die möchte ich nicht verschweigen. Z.B. ist die deutsche Rechtschreibprüfung unbrauchbar, weil sie keine Grammatikprüfung beinhaltet. So ist ein Satz wie „Die Küche war voller schaben“ für Scrivener genauso korrekt wie „Du musst am Holz entlang Schaben.“

Mein Arbeitsprozess sieht daher so aus, dass ich bei der Textüberarbeitung einzelne Szenen immer noch einmal mit Word prüfe, was, sagen wir einmal, suboptimal ist.

Neidvoll wandert mein Blick auch auf die Anwender von Papyrus Autor und dessen integrierter Stilprüfung. Allerdings bin ich mit dem Programm einfach nicht warm geworden, da es zu überfrachtet ist, den Text als Ganzes betrachtet (so denke ich einfach nicht) und anscheinend unfähig ist, sich Position und Größe von Fenstern zu merken.

Fazit

Ich bin sehr zufrieden mit Scrivener. Die genannten Vorteile wiegen für mich die Schwächen auf und ich sehe derzeit keine Alternative für mich auf dem Markt. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wäre es eine Plugin-Schnittstelle, über die man eine bessere Rechtschreibprüfung einbinden könnte.